Nur noch selten spüre ich dem kleinen Sein, das war und doch nicht war, nach. Vorgestern war der Drang so groß, dass ein lange sorgfältig aufgebauter Damm gebrochen ist. Wenn ich heute in mich hinein lausche, dann stellen sich die Fragen wiederum nur noch leise, im Grundrauschen des Lebens fast unhörbar.
Die Grundfrage ist nicht das "Warum?"oder "Was Wäre Wenn?". Die Frage ist nicht "Warst Du ein Mädchen oder ein Junge? Warst Du lockig, hellblond, mittelblond, eher dem Bruder oder der Schwester ähnlich?" Die Frage ist diese: Wie kann ich Dir einen Platz geben in meinem Leben, der meiner Sehnsucht nach Dir Rechnung trägt? Wie kann ich aushalten, nicht von Dir sprechen zu dürfen, ohne andere zu verletzen? Deinen Vater, sein Schamgefühl, und das Schamgefühl der Menschen?
Und darf ich behaupten, dass das abgetriebene erste Kind, dem später gesunde, lebende Geschwister geboren werden dürfen, womöglich einen anderen Schmerz hinterlässt als das abgetriebene dritte Geschwister? Wissen kann ich das nicht.
Ich möchte Dich, kleines Sein, um Präsenz bitten. Nimm mich an die Hand und lass, was weh tut, in aller Ruhe weh tun. Ich merke bereits, wie gut das tut.
Es ist wie das Beobachten einer langsam sich öffnenden Frühlingsknospe, was ich hier erleben darf. Danke für deine unendliche Sorgfalt, mit der du öffnest.
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