Donnerstag, 10. November 2016

5 Jahre Konjunktiv

Der 5. NichtGeburtstag ist gekommen und gegangen. Eine Kerze, eine Blume. Die großen Geschwister haben nicht gefragt - wie gut. Das Alltagsglück trägt sicher. Ich bin dankbar für die, die hier sind, und sende doch wiederum einen Herzensgruß an Dich, der oder die Du nicht hier bist. Um wieviel reicher noch wären wir mit Dir. Dies zu wissen, sicher zu wissen, ist eine schwere Bürde.

Montag, 21. März 2016

Die 0 und die 1

Was ich schade finde, ist, dass die Erinnerung in so "digitalen" Zuständen daherkommt: entweder sie ist ganz da, also 1, oder ganz nicht da, dann 0.

0 ist der Normalzustand in einem erfüllten, reichen, lauten und bunten Alltag mit Kindern, Familie, Beruf und Nachbarn.

1 ist Ausnahme, ist gebunden an Triggerpunkte, in Daten oder auch Begegnungen. "Na, Euch haben zwei gereicht, was?", so oder ähnlich kann ein Satz lauten, der aus 0 eine 1 macht und mich hilflos dastehen lässt. "Ja, weisst Du, wir hätten ja noch eins gekriegt, aber das passte zu dem Zeitpunkt nicht, wir waren gerade so ziemlich am Rande mit allem, da haben wir uns dann dagegen entschieden." Das wäre eine sehr ehrliche, aber auch sehr unmögliche Antwort.

In einer idealen Welt wäre das keine unmögliche Antwort. Und in einer idealen Welt käme dann von meinem Gegenüber "Ach, das war aber bestimmt keine leichte Entscheidung für Dich, oder? Magst Du ein wenig erzählen?" Und ich könnte dann entscheiden, ob ich mag oder nicht. Tolle Vorstellung!!


Sonntag, 20. März 2016

Um Präsenz bitten

Nur noch selten spüre ich dem kleinen Sein, das war und doch nicht war, nach. Vorgestern war der Drang so groß, dass ein lange sorgfältig aufgebauter Damm gebrochen ist. Wenn ich heute in mich hinein lausche, dann stellen sich die Fragen wiederum nur noch leise, im Grundrauschen des Lebens fast unhörbar.

Die Grundfrage ist nicht das "Warum?"oder "Was Wäre Wenn?". Die Frage ist nicht "Warst Du ein Mädchen oder ein Junge? Warst Du lockig, hellblond, mittelblond, eher dem Bruder oder der Schwester ähnlich?" Die Frage ist diese: Wie kann ich Dir einen Platz geben in meinem Leben, der meiner Sehnsucht nach Dir Rechnung trägt? Wie kann ich aushalten, nicht von Dir sprechen zu dürfen, ohne andere zu verletzen? Deinen Vater, sein Schamgefühl, und das Schamgefühl der Menschen?

Und darf ich behaupten, dass das abgetriebene erste Kind, dem später gesunde, lebende Geschwister geboren werden dürfen, womöglich einen anderen Schmerz hinterlässt als das abgetriebene dritte Geschwister? Wissen kann ich das nicht.

Ich möchte Dich, kleines Sein, um Präsenz bitten. Nimm mich an die Hand und lass, was weh tut, in aller Ruhe weh tun. Ich merke bereits, wie gut das tut.

Samstag, 19. März 2016

Zwiesprache halten

2006. Nur 6 Tage, nachdem wir zum ersten Mal der Möglichkeit Raum gegeben hatten, in eine neue Wirklichkeit des Drei-Seins einzutreten, erfasst mich in einem Kaufhaus plötzlich ein kurzer, heftiger Drehschwindel. Ich setze mich, und ich weiß: "Ich bin schwanger!!" 8 Tage, bevor ein Test überhaupt sinnvoll ist, bin ich mir sicher, nein, WEIß ich, dass es so ist. Meine Hand liegt auf meinem Bauch, und ich begrüße dieses Wissen, dieses Wesen, das aus nur ein paar Zellen besteht zu diesem Zeitpunkt, liebevoll und dankbar.

2008. Zwischen Gläschen wärmen und Tisch decken eben das Streiflein ablesen, das ich vorhin im Bad abgelegt habe. Da ist ein zweiter Strich!! Ich sitze auf der Badewannenkante, meine Hand liegt auf meinem Bauch. "Hallo Du, wie schön, dass Du da bist. Du hast uns noch gefehlt zu unserem Glück." Und so ist es auch gewesen.

Anfang 2011. Ein Wundern. Ein Verdacht: "Das kann doch gar nicht...oder ...?". Der Test sagt, doch, das kann. Ich stehe da, und das Große Nein steht schon vor mir, scharf umrissen und deutlich. Draußen Kindergejauchze, es ist ein früher Frühlingstag, alle sind draußen in der Sonne. Plötzlich steht da eine Glaswand zwischen mir und den Anderen, plötzlich bin ich in eine Parallelwirklichkeit getreten, in der bereits klar umrissen ist, wie es zukünftig sein wird: Nie mehr werde ich mit den Worten Schwangerschaft, Baby, drittes Kind allein das verbinden können, was es für mich persönlich bis dahin bedeutet hat: Einen Grund zur Freude und zum Mitfreuen. Ab jetzt werden dazugehören: Schreck, Trauer, Scham, Vermissen.

Die Hand sucht nicht den Bauch. Sie wird sich in den drei kommenden Wochen nie, nie in die Nähe des Ortes da unter dem Nabel bewegen. Denn eines weiß ich auch sofort: Wenn ich nur einmal mit dem kleinen Sein in Verbindung getreten bin, Zwiesprache gehalten habe, so würde ich es nicht gehen lassen können. Hinterher, ja, hinterher lag sie dann stundenlang da, in einem Versuch, mich dafür zu entschuldigen, es nie begrüßt zu haben. Es allein gelassen zu haben da drin; dass es selbst, als es existierte, nicht Teil unserer Familie hatte sein dürfen. 



Freitag, 18. März 2016

Es ist wie es ist

Heute morgen fragt die Tochter, 7, nachdem wir beim Morgenkuscheln über Erste Worte gesprochen haben: "Mama, rat mal, welches Geräusch hat mein Körper als erstes gemacht?" - "... ich weiß nicht ..?" - "Na, Blubb Blubb, von meinem Herzen!"

- Flashback -

Ich liege auf einem gynäkologischen Stuhl. Die Ärztin hat auf meinen Wunsch hin den Monitor weggedreht. "Ja, da ist ein wenig Herzaktion zu sehen." Ein wenig... Sie macht eine Aufnahme, ich ziehe mich an. Ich erhalte eine Überweisung in eine Abtreibungspraxis, die mit Vollnarkose arbeitet. Sie sagt mitfühlend: "Sie sind schon traurig genug, man sollte Sie nicht auch noch zwingen, dabei zu sein. Und noch was. Schreiben Sie jetzt das Warum auf. Sie werden sich hinterher nicht mehr daran erinnern, warum Sie sich so entschieden haben."

Das war ein guter Rat. Obwohl ich noch weiß, warum ich/wir so entschieden haben: Mein Herz weiß es nicht; hat auch damals schon darauf gehofft, dass mein Verstand Erbarmen haben möge. Bis zuletzt hat das Herz gehofft, dass irgend jemand "Halt!" sagt.

Der Verstand sagte: "Wir haben 2 gesunde Kinder, 3 und  1 Jahr alt. Wir haben Platz für 4 Menschen. Wir haben gerade gebaut. Ich bin gerade erst in den Beruf zurückgekehrt. Kind 2 schläft keine Nacht durch, wir sind 4 Mal mindestens gefragt pro Nacht. Wir sind schon so am Ende unserer Kräfte. Wir waren dankbar und glücklich für das, was wir haben. Wir schaffen nicht mehr."

Heute vor 5 Jahren habe ich mich von dem bisschen Herzaktion verabschiedet, in der 8. Woche. Ich habe viele Tränen geweint damals, vorher und hinterher. D. war nur dankbar. Es ist schon lange still geworden um dieses Herzchen. Es wird mit einer Kerze zu seinem errechneten Geburtstermin bedacht. Es wurde betöpfert und mit dem Psychotherapeuten besprochen während einer Mutter-Kind-Kur, aufgearbeitet in einer Trauma-Sitzung mit einer lieben Freundin, die sowas beruflich macht. Es wurde versucht, einen schönen Stein im Garten als Identifikationskeim mit Bedeutung aufzuladen.

Und doch: Das bisschen Herzaktion hat außerhalb meines Herzens keinen Raum in dieser Welt, in der es mehr sein durfte als nur dieses Bild eines abgewandten Sonografie-Monitors. Gespräche, in denen ich es erwähne, brechen betroffen ab. Ich lese einen Blog, in dem eine Mutter ein 7. Kind wieder hergeben muss, das gleichalt mit dem Sohn ist, und fühle mich so verzweifelt moralisch unterlegen. Mütter, die das dritte Kind erwarten: "War ja nicht mehr geplant, aber was will man schließlich machen. Es wird schon gehen!" - Und siehe da, es geht dann ja auch. Ich freue mich für sie, aber nie ohne den Stich im Herzen: "Das Glück war da, und Du hast es fortgeschickt." - D. hat eigene Erinnerungsräume, deren Ausgestaltung mir manchmal fremd ist, zu nüchtern in dieser Sache.

Jetzt der Versuch, Raum zu schaffen. Vielleicht für andere Mütter, die etwas ähnliches erlebt haben. Vielleicht nur für kurze Zeit. Ich weiß es noch nicht. Heute ist eben so ein Tag, an dem der Raum gebraucht wird.